Es ist ein Weinen in der Welt,
als ob der liebe Gott gestorben wär,
und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.
Komm, wir wollen uns näher verbergen...
Das Leben liegt in aller Herzen
wie in Särgen.
Du! Wir wollen uns tief küssen -
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
An der wir sterben müssen.
Biographischer Hintergrund:
“Weltende” zählt zu den bekanntesten Gedichten Else Lasker-Schülers. Insgesamt sind achtzehn Drucke dieses Gedichtes bekannt, die zu Lebzeiten Else Lasker-Schülers erschienen sind. Dies sind so viele wie von kaum einem anderen ihrer Gedichte.
Zuerst wurde “Weltende” 1903 in der Anthologie “Moderne Deutsche Lyrik” veröffentlicht. 1905 nahm Else Lasker-Schüler das Gedicht in ihrem zweiten Gedichtband “Der siebente Tag” auf.
Berühmt wurde das Gedicht jedoch erst durch das gleichnamige Gedicht von Jakob von Hobbis aus dem Jahr 1911, das großen Ruhm erhielt und als eines der programmatischen Gedichte des Expressionismus gilt.
Analyse und Interpretation:
Das Gedicht “Weltende” von Else Lasker-Schüler ist 1903 erstmals erschienen und beschreibt eine schwermütige bzw. apokalyptische Stimmung des lyrischen Ichs.
Das Gedicht besteht aus zehn Versen, die in drei Strophen gegliedert sind, einem Quartett und zwei aufeinanderfolgenden Terzetten. In der ersten Strophe liegt ein Kreuzreim (abab) vor, in der zweiten und dritten Strophe ein umarmender Reim (cdc, eae). Die Reimform wechselt regelmäßig zwischen stumpfen und klingend Kadenzen, ausgenommen die zweite Strophe, in der nur klingende Kadenzen auftreten. Der Rhythmus des Gedichtes ist fließend. Es ist keine klare Strophenform erkennbar.
In der ersten Strophe wird beschrieben, dass eine Trauer in der Welt liegt, “als ob der liebe Gott gestorben wär” (V.2). Des weiteren wird ein schwerer “Schatten” (V.3) aufgeführt, der schwer auf den Menschen “lastet” (V.4). Die zweite Strophe handelt von der Sehnsucht des lyrischen Ichs nach Geborgenheit. In der dritten Strophe wird dieser Gedanke fortgeführt, doch dem lyrischen Ich wird bewusst, dass es sterben muss.
In der ersten Strophe lässt sich laut meiner Quelle eine Parallele ziehen zu den in der Bibel beschriebenen Klagen der Israeliten, über die Zerstörung des Ersten Tempels von römischen Eroberern in Jerusalem und über die Verschleppung nach Babylonien (siehe Lukas 19, 41- 47). In Vers zwei zeigen sich Zweifel des lyrischen Ichs an Gott, zumindest lassen die gesellschaftlichen Strukturen die Existenz Gottes für das lyrische Ich vermutlich zweifelhaft erscheinen.
Mit dem “bleiernen Schatten” (V.3) meint der Sprecher möglicherweise die baulichen Veränderungen, die die Industrialisierung in den Städten mit sich gebracht hat. Diese “lasten” (V.4) auf den Menschen, da sie die Natur nicht mehr so unberührt vorfinden wie zuvor und sich dadurch beengt und bedroht fühlen. In dem Else Lasker-Schüler das Adjektiv “bleiern” verwendet, unterstützt sie die Schwere der Last die auf den Menschen liegt und wendet zudem durch die Verbindung von “bleiern” und “Schatten” ein Qxymoron an, das das Adjektiv hervorhebt.
Die zweite Strophe beschreibt die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach Nähe und Geborgenheit, die gefördert wird durch eine Weltuntergangsstimmung. Else Lasker-Schüler verwendet in dieser Strophe erneut ein Oxymoron mit “Leben liegt... wie in Särgen” (V.6/ V.7). Damit betont sie einen nahenden Weltuntergang nachdrücklich.
In der dritten Strophe wird diese Sehnsucht des lyrischen Ichs noch vertieft. Aus der Sehnsucht nach Nähe (V.5) wird ein Wunsch nach Liebe (V.8). Menschliche Zuneigung und Geborgenheit können jedoch einen nahenden, finalen und unaufhaltsamen Weltuntergang nicht verhindern und so resigniert das lyrische ich schließlich vor seinem Tod (V.10), da es erkennt, dass dieser unausweichlich ist. Durch die Personifizierung der Sehnsucht wird das unausweichliche des Weltunterganges unterstützt, da es etwas Starkes und Gewaltiges sein muss, dass “an die Welt pochen” kann (V.9).
Dieses Gedicht von Else Lasker-Schüler ist kein typisch expressionistisches Werk, da es schon 1903 veröffentlicht wurde, wobei der Beginn des Expressionismus auf 1910 datiert wird. Es weist zudem nur wenige zu dieser Epoche gehörende Merkmale auf. “Weltende” besitzt keinen antibürgerlichen Antrieb, thematisiert nicht den Krieg bzw. hält dem Leser nicht die Abscheu vor dem Menschen vor Augen. Desweiteren werden auch nicht die für den Expressionismus typischen Stilmittel und Techniken verwendet, wie z.B. der Reihungs- oder Simultanstil, Synästhesien, Verfremdungen oder die typischen Farbkombinationen rot-schwarz-blau. Zudem hält Else Lasker-Schüler die übliche Sonettform nicht ein. Es besteht auch kein historischer Bezug zu den revolutionären und umstürzenden expressionistischen Grundideen.
Einzig durch die Schwermütigkeit des lyrischen Ichs, die apokalyptische Stimmung und die Ansätze einer Zivilisations- und Gesellschaftskritik lässt sich dieses Gedicht in den Expressionismus einordnen. Dennoch würde ich es eher als ein “prä-expressionistisches” Gedicht bezeichnen, da es sich nicht eindeutig in den Expressionismus oder eine vorausgehende Epoche, wie dem Naturalismus und dem Symbolismus, einordnen lässt.
"Weltende" ist meiner Meinung nach ein interessantes aber auch sehr spezielles Gedicht. Es ist interessant wie Else Lasker-Schüler zwei kontrastirende Themen wie Weltuntergang und Liebe miteinander verbindet. Ich würde es als speziell bezeichnen, weil sie das Thema Weltuntergang anders bearbeitet als andere Schriftsteller.
